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Sabine Harton

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Der gewendete Körper

Ein anachronologisches Japantagebuch, eine erinnerte Suche nach dinglichen Analogien, ein Mosaik von Heidi bis Murakami, eine Suche nach Freiheit in der ständigen metamorphose der Häutung oder „Wie ich den Kranich in mir fand.“

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Der gewendete Körper

Installation, Künstlerhaus Göttingen, 2014

Zwei Videoloops zeigen eine Frau in einem mit Kranichen benähten Korsett, die sich metamorphosierend daraus löst, und auf einem Monitor eine Frau in Schwarz, die einen Kokon häutet und wickelt. An der Wand daneben hängt ein Acrylbild, aus dem sich aus dem Weiß eine Frau löst, deren Finger nach Fäden und Spulen zu greifen scheinen. Gegenüber blickt ein Junge, in einem mit weißen und blauen Stabspitzen durchzogenen Raum, auf den Boden. Vor dem Bild, auf zwei Tischen, wurden in einer Dauerperformance während der Ausstellung, die letzten der 1000 Kraniche gefaltet und in Form eines Strahls aufgehängt. Der im Monitor neben den Tischen wiederholt diese Faltung in einem Loop. Noren im Eingangsbereich zeigen ineinander verwobene Alltagssituationen einer deutsch, japanischen Reise. Im hinteren Teil des Raumes blickt man durch Säulen auf Korsett und Kokon, die sich im Dialog zugewandt sind. Häutung, sich lösen, befreien

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Auszug der Einführung von Frau Dr. Imke Weichert, Torhausgalerie Göttingen 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

ähnlich wie in jedem Bild des Engländers mosaikartige Elemente wie ein Bild im Bild nachhallen, wird der Blick des Betrachters mit einer Aufreihung von Origami-Kranichen der Künstlerin Sabine Harton in den Ausstellungsraum gelenkt. Kraniche sehen wir hier aufgeknüpft an Bändern, die zum Zentrum ihres Daseins zu schwärmen scheinen. Kraniche – was assoziieren wir damit? Die meisten von uns halten im Frühling und im Herbst jedes Jahr nach den Schwärmen Ausschau, deren Rufe den Wechsel der Jahreszeiten ankündigt auf einer langen Reise in andere Länder. Aber Sabine Harton bezieht sich weder auf sehnsuchtsvolles Fernweh noch auf das faszinierende Schwarmverhalten dieser Zugvögel. Vielmehr hat sie eine besondere Affinität zur japanischen Kultur, spätestens seit sie im Studium mit einer fremden und sie magisch anziehenden Ästhetik japanischer Kommilitonen konfrontiert wurden. Und in der japanischen Kultur ist der Kranich ein Glückssymbol für Freiheit und ewiges Leben. Speziell diese Kranichkette nimmt Bezug auf die Legende um ein nach der Hiroshima-Bombe tödlich erkranktes Mädchen. Demnach soll es mit dem Ziel, einen Wunsch in Erfüllung gehen lassen zu dürfen, 1000 dieser Vögel aus Papier geduldig gefaltet haben. Sabine Harton griff für eine Installation im Künstlerhaus diese Legende auf. Mit wahrhaft asiatischer Geduld faltete auch sie tatsächlich über Nacht 1000 Kraniche. Einen Teil davon nähte sie in mühevoller Kleinstarbeit auf das Korsett, das dort im Raum von der Decke hängt. Es ist dasselbe Korsett wie in dem Video-Loop, das die Frauengestalt über ihrem Kimono trägt. Indem die Frau ihre Arme flügelgleich hebt und öffnet, vollzieht sich die Metamorphose von einer Gestalt zur anderen, vom Mensch zum Vogel. Das Korsett erscheint wie ein leerer Kokon, aus dem nach der Häutung die Frauengestalt geschlüpft ist. Der Torso direkt gegenüber unterscheidet sich bis auf das Grundmotiv erheblich vom ersten und nimmt wiederum Bezug auf einen zweiten Videoloop. Der männliche Torso baumelt von der Decke, fest umwickelt von Schnüren. Wie das grausame Opfer einer Spinne wirkt es beinahe. Wo das weibliche Korsett licht und filigran von zartem Papier geschmückt ist, erscheint das Pendant nicht imstande, sich zu befreien. 2 Hüllen, 2 Auffassungen: Hier das Korsett als formgebende Hülle, auch als Schutzhaut gegen die Außenwelt. Dort der eingesperrte Körper, gefangen in einem starren Kokon. Überhaupt nimmt das Motiv des Fadens wie auch Hüllen einen erheblichen Raum in Sabine Hartons Kunstwerken ein. In dem großformatigen zweiteiligen Werk "Sterben" sehen wir vordergründig die Gestalt einer Frau, einer Spinnerin, die Spulen mit Fäden sind deutlich zu erkennen. Dem Bild zugrunde liegt eine Landschaft, die aus einem Film über japanische Sterberituale inspiriert wurde. In zigfacher Schichtung von Weiß verblasst diese Sequenz beinahe zum Nichts und dient als Basis für die skizzenhafte Frauenfigur. Auch hier wieder das Thema Wandlung und Veränderung. Zum einen bezogen auf den Schaffensprozess selbst: Nämlich eine Beinahe-Zerstörung eines Kunstwerkes, aus dem ein zweites hervorgeht. Dann das Thema Tod als einschneidender Übergang von einem Daseinsstadium in das nächste. Der Faden des Lebens ist in westlichen Kulturen ein bekanntes Motiv; hier wird es in einem anderen kulturellen Kontext neu erfahrbar. Das Leben hängt am seidenen Faden. Übrigens sind an das Kranich-Korsett feinste Fäden geknüpft und vervollständigen das Thema. In der Reihe aus kleinen Bildern verflechten sich japanische und westliche erzählerische Elemente. Märchenmotive sind zu entdecken und die von japanischen Zeichnern entworfene Zeichentrickfigur Heidi neben japanischen Bildelementen. Es ist ein Reisetagebuch nach einem Aufenthalt der Künstlerin in Japan. Die Faszination dieser diametralen Kultur zwischen Modernität und Tradition findet hier ihren Ausdruck. (Auch) Die Noren sind ein Nachhall einer/ dieser Japanreise, die Sabine Harton nach den furchtbaren Ereignissen in Fukushima 2011 unternahm. Noren sind als traditionelle Vorhänge an Eingängen befestigt. Sie markieren den Eingang, sind ein Schutz vor der Außenwelt, sind mittlerweile auch Werbeflächen für Geschäfte und Restaurants. Sabine Harton greift hier den traditionellen Türvorhang als Kulisse für Ihr Werk auf und hat auf Japanpapier ihre Bilder reproduziert. Diese Bildreihe ist also auch als Reisetagebuch zu verstehen. So wünsche ich Ihnen dasselbe Vergnügen bei der Betrachtung dieser Ausstellung, das ich empfunden habe. Nehmen Sie sich Zeit, die eigene Ästhetik dieser so unterschiedlichen Künstler zu erkennen, vielleicht sogar zu entschlüsseln. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Die Legende der 1000 Kraniche

Der Kranich steht in Japan für ein langes Leben und Glück. So besagt eine japanische Legende, dass demjenigen, dem es gelingt 1000 Kraniche „senbazuru” zu falten, einen Wunsch von den Göttern erfüllt wird.Origami Kraniche gelten seit dem Tod des Hiroshima-Opfers Sadako Sasaki ebenso als Symbol des Friedens und der Freiheit.