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Sabine Harton

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ruhe sanft

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Etwa ein Viertel unseres Nachtschlafs träumen wir, ein weiteres Viertel verbringen wir im Tiefschlaf. Auch wenn wir uns nur an den Traum kurz vor dem Aufwachen erinnern, träumen wir die ganze Nacht. Die letzten Bilder bleiben präsent, die anderen wirken nach.

Die Schwelle, die wir mit dem Traum überschreiten, lässt uns einen Raum betreten, der ganz wir sind und doch völlig fremd, in dem wir gleichzeitig Gestalter und Beobachter sind, das Glück des Träumenden und der Horrer des Alptraumes von uns selbst erschaffen wird und dennoch nicht gelenkt werden kann, Macht und Ohnmacht zugleich.

Wir betreten einen Raum mit großformatigen Bildern, die an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit liegen, ein Ort des inneren Rückzugs, ein Ort, der auch den Schrecken der Nacht in sich trägt. Die Installation wirkt auf den ersten Blick harmlos, harmonisch, ruhig und sanft, erst bei näherer Betrachtung werden Untertöne der Angst und des Schreckens in Details sichtbar.

Die subtile Stimmung der Bilder differiert zwischen sanftem Schlaf, Alptraum und der Ungewissheit des nächsten Morgens - dies zeigt sich beispielsweise in der Schafherde, die auf braun-rotem Hintergrund grast – oder zu etwas hinstrebt, was sich dem Betrachter entzieht. Einerseits suggeriert sie inneren Frieden, der Weidegrund jedoch ist kein grüner Flecken Erde, er trägt die Farbe geronnenen Blutes. Zählt hier vielleicht jemand Schäfchen zum Einschlafen? Sind es überhaupt harmlose Schafe, sind es Opferlämmer, die auf dem Weg zur Schlachtbank sind?

Im gleichen Kontext ist das Bild des liegenden Mädchens oder das des schlafenden Mannes zu sehen. Isaak, der darauf wartet, von seinem Vater für Gott geopfert zu werden und dann doch verschont bleibt.

Die Zeilen auf dem Boden „Guten Abend, gute Nacht/Mit Rosen bedacht/Mit Näglein besteckt/Schlupf unter die Deck/Morgen früh wenn Gott will/Wirst Du wieder geweckt“ (Wiegenlied von Johannes Brahms aus dem neunzehnten Jahrhundert) unterstreicht diese Stimmung, verstärkt den Eindruck, ausgeliefert zu sein – „wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt!“ Bei näherer Betrachtung gesellt sich zum Gefühl behütender Fürsorge das vage Gefühl von Beklommenheit.

Die Stimmung wird durch eine repetitive Audio-Installation mit Textfragmenten von Murakami zu Traumszenen, Gedichten von Mascha Kaléko und Berichten von Irvin Yalom über psychische Grenzsituationen, die sich in Träumen manifestieren, begleitet. Eine ruhige, fast monotone Stimme, die im Hintergrund rezitiert.

Die Wirklichkeit verfängt sich in unseren Träumen, das Geträumte greift nach unserem Alltag – ein Raum mit zwei Türen. Es stellt sich die Frage, für welche wir uns entscheiden.

Zur Ausstellungseröffnung im weißen Saal des Künstlerhauses

Tina Fibiger

10 Januar 2013

Meine Damen und Herrn,

Auch ich möchte Sie herzlich willkommen heißen, heute Abend, im weißen Saal des Künstlerhauses.

Es singt sich so schön am Bett eines Kindes, dieses Wiegenlied von Johannes Brahms, guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein bedeckt.

Sie sehen diese Zeilen an die Wand projiziert. Auch auf der Tonspur, die Sabine Harton mit ihren Arbeiten verbindet, hören sie ihre Stimme mit dem Vers aus der Sammlung „des Knaben Wunderhorn“, den Brahms vertont hat. Aber darin verbirgt sich auch eine kleine Warnung, die das Lied zum Nachtgebet werden lässt und die Künstlerin umso hellhöriger machte, als sie mit diesem Bilderzyklus begann und auch in literarischen Texten nach Zwischentönen forschte: Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt.

Es ist die Hoffnung auf einen wohlmeinenden Beschützer, die hier anklingt, dass der Schlaf ein gutes Ende nehmen möge. Man kann sich eben nie so ganz sicher sein, ob die Nachtruhe einen ruhigen Verlauf nimmt oder ob sich nicht vielleicht doch einer dieser bösen Träume einschleicht, die Ängste auslösen, den Schlafenden in Panik versetzen oder gar Horrorbilder generieren, wie die von Tod und Sterben.

Schon in der antiken Mythologie bildeten der Schlaf und der Tod ein Geschwisterpaar, mit dem finsteren Tantanos und seinem sympathischen Gegenüber Hypnos, der über die Welt der Träume wachte. Auch er hat seinen Anteil an dieser sehr zwiespältigen Aufforderung, die Sabine Harton für ihren Bilderzyklus gewählt hat: „ruhe sanft“

Wenn Sie dabei nun an Friedhöfe, Schriftzüge auf Trauerkarten und Widmungen auf Kränzen denken, zitieren sie im Grunde nur den bösen Bruder herbei. Und vergessen den Freund des sanften Schlummers, der daraus ebenso spricht. Der nicht über finstere Schattenregionen herrschte sondern in einer Höhle lebte, die sich als Ort der Ruhe und des Schweigens verstand, um sanft zu ruhen. Und das auch Nacht für Nacht immer wieder. So darf dieses „ruhe sanft“ dann auch zärtlich gemeint sein und liebevoll, ohne den Hauch eines Abgesangs auf die ewige Vergänglichkeit.

Man muss nicht an Schutzengel glauben, an gute Hirten, Götter oder Geister und wünscht sie sich dennoch herbei, wenn die Vorhänge zugezogen sind und das Licht aus ist. Etwas so wohl tuend Beruhigendes, wie Baldrian für die Seele, die nun von der Wachsamkeit auf dem realistischen Feld Abschied nehmen muss und hofft, dass es in den nächtlichen und oft so surrealen Bildfantasien nicht ebenso turbulent, fordernd und erschreckend zugeht.

Und doch sind diese Bildstimmungen keineswegs nur friedlich und besänftigend angelegt: Denn die Künstlerin entwickelt ihre Szenarien in diesem Grenzbereich, wo der Alptraum jederzeit in die Ruheregionen einbrechen kann und die Wahrnehmung radikal verfremdet, die sich dem Frieden der Nacht hingeben möchte.

Sie zeigt den Körper, in seiner Dünnhäutigkeit, so feinfühlig ummantelt von seinem größten Sinnensensorium, wo oft schon der Hauch einer Berührung Spuren hinterlässt. Diese Spuren gehen unter die Haut um dann erneut nach außen zu drängen. Und doch pulsiert und vibriert es unter diesem Mantel pausenlos, ohne dass sich jetzt Ursache und Wirkung eindeutig fixieren lassen. Auch darauf deutet die Künstlerin, wenn sie dem jungen Mädchen, das sie angstvoll an die Wand lehnt einen wolkigen Aufruhr von gespenstisch anmutendem Weiß zumutet. Den Geist des Bedrohlichen, den keine Mauer hindert, auch nicht die eines Krankenhauses oder einer Station auf der Psychiatrie, in der die Ängste zur kurativen Behandlung gesichert werden und dennoch so umtriebig sein können, dass sie jedes Gitter durchdringen und vielleicht sogar den Strom infiltrieren, der aus der Steckdose kommt.

Wie sanft scheint dagegen dieser Lazarus zu ruhen, so weich fließend in seinen Proportionen und so entspannt, als ob es nie etwas anderes als dieses Urvertrauen gegeben hätte, auch wieder aus dem sanften Schlummer zu erwachen und erneut dem väterlichen Gebot zu folgen.

Und sogar der feine Schatten, der sich über die Hüfte dieses schimmernden fleischlichen Äderwerks legt signalisiert keine bedrohliche Geste und legt sich wie ein Hauch von Perlmutt über diese harmonische Schöpfung aus Organen, Gliedmassen, Knochen, Nervengewebe, Blutbahnen und dem pulsierenden Geäst von Hirnströmen, die seinen Schädel wie ein Labyrinth voller Geheimnisse erscheinen lassen: Gespeist von Signalen, die das Gedächtnis in Ablagerungen verwandelt, die immer wieder in Bewegung geraten können und bewegen ohne dass sie dabei begreifbar werden müssen.

Der Körper erinnert alles. Auch im Verborgenen. Geborgenen unter der Haut Das ist kein Widerspruch, wenn man auf seine Sprache der inwendigen Zeichen achtet, die er sehr wohl nach außen mitteilt, wenn die Stimmen des Bewusstseins und der Kontrolle schweigen. In der Krümmung der Glieder ebenso wie in ihrer scheinbare Entspanntheit. Hypnos Höhle, dieser Ort der Ruhe und des Vergessens erscheint auch als Ort des Loslassens. Und das auch von einem realistischen Kontext, der die eigentliche Bedrohung darstellt.

Den hat Sabine Harton in der Ansicht dieses kleinen Mädchens weggeblendet, das sie auf einem Flughafen Terminal entdeckte. Eingeschlafen auf einer Bank, einfach nur erschöpft nach den Reisestrapazen, ohne eine Spur von Angst oder Verkrampfung an einem fremden Ort, an dem nicht sicher ist, was nach dem Aufwachen passiert.

Den hat Sabine Harton in der Ansicht dieses kleinen Mädchens weggeblendet, das sie auf einem Flughafen Terminal entdeckte. Eingeschlafen auf einer Bank, einfach nur erschöpft nach den Reisestrapazen, ohne eine Spur von Angst oder Verkrampfung an einem fremden Ort, an dem nicht sicher ist, was nach dem Aufwachen passiert.

Die Malerin erzählte mir, dass sie diese Bilderzählung aus einer Kunstperformance verdichtet hat. Dass sie dieser Ansicht einfach Auf den Grund gehen wollte. Das zeigt wiederum, dass hier nicht nur die Situation in die Irre führt sondern auch mögliche Bedeutungszusammenhänge leicht in eine Spekulationsfalle führen.

Einmal mehr scheint sich für uns als Betrachter hier eine alte Talmud Weisheit erneut zu bestätigen, die besagt: wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind sondern wie wir sind. Wenn wir nun dieser Gestalt im Bildraum die Hand reichen wollen, damit sie nur nicht versinkt, auch wenn sie vielleicht sogar schwebt und ohne das Regulativ horizontaler und vertikaler Koordinaten fast schon aufrecht auf uns blickt oder auch durch uns hindurch. In aller Unschuld.

Die gilt auch für die beiden Mädchen auf ihrer geheimnisvollen Wanderschaft durch diese Welt der Farbschwingungen, die sich wie ein Schleier verströmen, der etwas Verborgens umweht. Ihr Gang hat nichts Bedrückendes auch wenn die zarten Körper von roten Linien, Knoten und Markierungen wie von blutig schwärenden Wunden malträtiert erscheinen, hat ihr Miteinander etwas Vertrautes, Zuversichtliches im Geborgensein bei sich. Wäre da nicht diese Verletzlichkeit der Körper, in die Sabine Harton hineinblickt. Dieses so empfindliche Universum von dem sie auch weiß, wie sehr es alle Beschützerinstinkte wach ruft und immer alle alle hilfreichen Geister auffordern möchte, ebenfalls gut für dieses Universum zu sorgen.

„Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“, heißt es in William Shakespeares Sturm. „Und unser kleines Leben ist von Schlaf umringt“. Natürlich steuert dieses kleine Leben auf den ewigen Schlaf zu. Aber bevor ein Tantanos irgendwann zur Tat schreiten kann, kommt ihm sein Bruder Hypnos Nacht für Nacht in die Quere. Auch wenn es mit ihm nicht immer so still und ruhig zugeht, weil sich auf dem Feld der Träume mal wieder diese Ruhestörer mit ihren grässlichen Fratzen und den vielen labyrinthischen Botschaften herumtreiben.

Die Schafe, die sich gerne abends zum Einschlafen herbeizählen lassen, kümmert das wenig. Aber wie sie diesen Bildraum durchstreifen, über dieses tiefgründige ochsenblutfarbige Feld gleiten und sein Zentrum unberührt lassen, markieren sie auch ein Stück Refugium, für das es keine weiteren Zeichen oder Botschaften braucht.

In diesem Raum einer sanften Ruhe, die alles untergründige Bedeckt, mag sich vielleicht sogar Isaak gerade befinden. Dort wo die Nacht den Tag umarmt und ihn hin und wiederaufordert für ein paar Stunden einfach zu verschwinden.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit

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Acrylbilder, Papierarbeiten

Beamerprojektion - Brahms Wiegenlied

Audioloop - Textfragmente von

Murakami, Kaléko, Yalom

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