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Sabine Harton

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Zurückgelassenes

sind verlassene Hüllen, die an übergroße Seidenkokons, kleidungsähnliche Häutungsreste oder an entseelte Körpergebilde erinnern.

Sie lassen aus dem was zurück geblieben ist vermuten, welch eigentümliche Wandlung vonstattengegangen sein muss, rückschauend auf einen überlebenswichtigen Vorgang der Werdung – ob als Metamorphose oder Auflösung, oder einfach als ästhetisiertes Gewirk begrifflich gemacht.

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Installationsansichten Lichtenberghaus Göttingen 2016

Einführungsrede von Herrn M. Drüner, Lichtenberghaus Göttingen 2016

Liebe Kunstneugierige!

In der Kunst von Sabine Harton sprechen natürlich die Werke, die Objekte, in sinnlich erfahrbaren Formen, Farben, Materialien, in Körpern und Räumen. Die Griechen nannten das die aisthesis. Daher das Wort Ästhetik. Im Unterschied dazu gab es die noesis, das Denken, die Welt des logos, des Wortes, der Gedanken und Konzepte.

Dort also Kunst, hier zunächst Wörter.

Dieser Installationszyklus, der als Gesamtes und nicht als Anhäufung von Einzelwerken gelesen werden soll, trägt den Titel "Der gewendete Körper".

Wenden - das meint zweierlei. Zunächst das Umkehren im Sinne der Richtungsänderung einer Bewegung. Oder eines geistigen Kurses.

Johannes der Täufer, der wilde Fellträger und Heuschreckenfresser, kommt aus der Wüste gelaufen und fordert metanoia - etwa "Über-denken". Nach dem Wörterbuch: eine Änderung der eigenen Lebensauffassung, Gewinnung einer neuen Weltsicht.

Da ist sie wieder, meta und noia, die Noesis.

Hier aber meint Wende auch ein Umkrempeln.

Eine Doppeldeutigkeit. Vielleicht kennen oder besitzen sie ja eine Wendejacke, die man links herum tragen kann. Ein Kleidungsstück, dass quasi zwei rechte Seiten hat. Wie es einem gerade passt.

Die nächste Doppeldeutigkeit! Ein Kleidungsstück passt, wenn es uns der Größe nach angepasst ist. Aber passt es auch zu unseren Bedürfnissen, unserem Geschmack, unserem Naturell, unserer Sehnsucht nach…… ja wonach….?

Aber dann: warum sollte ein Körper gewendet werden? Und dann noch "Häutungen"? (Ein weiterer Titel, der in dieser Ausstellung auftaucht.) !Zusammen klingt das nach Schlachthaus, das klingt nach Hautabziehen, abdecken. Haben sie mal einem Tier die Haut abgezogen? Da haben sie ihren "Wendepelz", unappetitlich, diese Vorstellung, nicht wahr, passt so gar nicht zu Sonntag Nachmittag.

Und doch kommen Menschen an Punkte, wo sie "irgend ein Inneres" nicht mehr daran hindern können, sich zu äußern, Botschaft von sich zu senden, Ansprüche zu erheben. Ein inneres Anders-geworden-Sein zwingt - möglicherweise nach langem Widerstand doch noch - dazu eine innere Not endlich zu wenden, not-wendig zu werden. Das kann einem völligen Umkrempeln gleichkommen. Da wird man verwundbar, denn das nach außen Gewendete ist die direkte Konfrontation mit der Außenwelt nicht gewohnt. Auch Insekten entwickeln erst nach der Häutung den Chitin-Schutz der neuen Haut und bleiben bis dahin extrem verletzlich und verwundbar.

Will sagen: Wir kommen nicht darum herum ein Risiko einzugehen, wenn wir aus unserer Haut heraus und in Neues hineinwachsen wollen.

Irgendwie klingt das aber auch fast banal. Allgemeinplatz der Fernseh-Philosophie-Runden und spirituellen Bildungsbürger.

"Man muss loslassen können." Ein immer wieder richtiger, ein billiger Satz.

Er ist aber nur so lange banal, wie los- oder rauslassen entweder vermeidbar bleibt oder doch zumindest nicht existenziell wird.

Was aber macht die Arbeiten von Sabine Harton eigentlich mitten in ihrer Schönheit so aufwühlend, was ist das Dunkle in ihrem vielen Weiß?

Da iust immer wieder die Leere, die Verlassenheit.

Haben sie mal den zurückgelassenen (auch diese Zuschreibung taucht in einem Titel auf!) Häutungsrest eines Reptils gefunden? Oder einer Libelle?

Sie werden instinktiv sofort gewusst haben: dies gehört zum Leben, es ist organisch, gewachsen. Und doch ein Zurückgebliebenes. Ein jetzt Lebloses. Ein leeres Kleid.

Anders als Häutungstiere sterben Menschen-Körper, wenn sie wirklich aus der Haut fahren.

In den meisten archaischen Initiationsriten werden die zu initiierenden Jungen in einen abgeschiedenen Raum, In einen Schwellenraum eingesperrt. Sie werden privatisiert, aus der Gesellschaft ausgestoßen, und im Zuge der Initiation werden sie dann in Todesangst getrieben und oft schrecklichen Schmerzen und teilweise lebensbedrohlichen Torturen ausgesetzt.

Die Körper, die wir hier sehen, künden viel von Abgeschiedenheit und lassen Schmerzen ahnen, verweisen dabei aber doch immer auf einen größeren Zusammenhang.

Es geht eben nicht immer darum Materielles zu verabschieden, oder um sich ändernde Meinungen, Überzeugungen. Manchmal geht es ums Ganze. Wenn unsere innere Architektur ins Wanken gerät, das Bild, das wir von uns haben (nein jetzt "hatten") nicht mehr passt, in sich zusammenfällt….das kann Angst machen, bis zu Todesangst.

Kleider: In dieser Ausstellung begegnen uns Kleider als etwas, das zwei Seiten hat. Haben sie natürlich immer, werden aber in der Regel vor allem von außen wahrgenommen, mit den Augen, über den Blick in den Spiegel auch von ihren Trägern und Träger-Innen.(sic!)

Ein sich vergewissernder Blick.

Aber Kleider werden auch von innen wahrgenommen, mit der Haut. Unserem größten Sinnesorgan!

Stofflichkeit. Weite oder Enge. Machen sie die Augen zu und fühlen sich in ihrer Kleidung. Kneift es? Streichelt es? "Lüftelt" es? Oder "packt es an"? Kühl, wohltemperiert …, oder schwitzig? Herausforderung oder Erleichterung? Einengung oder Befreiung?

Kleider "gehen" buchstäblich "um Körper".

"Es" geht also um Körper. Und um die Haut als Teil und quasi Kleid des Körpers. Dann das Kleid als Kleid und quasi zweite Haut des Körpers…

Die Haut als Metapher und gleichzeitig ganz reale Grenze nach außen. Bis zur Hautoberfläche ist ICH, da draußen beginnt die Welt. Das Kleid, die zweite Haut, kommuniziert also mit dem Körper, mit mir, und mit der Welt.

Schutz. Kommunikationsmittel. Sprechende Haut.

Heute hier nicht zu sehen: Ophelia

Sabine Harton hatte ein Kleid - ein BRAUTkleid - im Leinekanal ins Wasser gelegt, wo es sich in der Strömung bewegte wie eine Wasserpflanze.

Nicht Ophelia ging hier ins Wasser. Nein, sie hat das Kleid, das ihr nicht mehr passte, abgelegt und es den Strömungen und zersetzenden MikroOrganismen des Fließwassers anheim gegeben. Wir wissen nicht wo sie jetzt ist, ob wir sie wiedererkennen würden. Wer weiß wie sehr sie sich verändert hat. (Vielleicht ist sie garnicht mehr so bleich wie wir sie bei den Präraffaeliten gezeigt bekommen?) Wir sehen nur das Zurückgelassene, das unpassende Kleid. Das "Rollenkostüm".! Beim Militär heißt Einkleiden, seine Uniform verpasst (!) bekommen. ! Klare Kiste: wieviel Epauletten, Sterne, Streifen? - du kennst deine Rolle.! Persona, die Wurzel des Wortes, mit dem wir gerne unsere "Authentizität und Individualität" betonen, bedeutet ursprünglich Theaterrolle, Maske! Etwas, das beliebig ausgetauscht werden könnte!

Die Rolle, die Ophelia zugeschrieben war - zu verzweifeln, wahnsinnig zu werden am Leben, an den Verhältnissen, an der Liebe, am Nichtverstehen, an der Ohnmacht… diese Rolle spielt sie nicht mehr. Dafür ist sie zu bluten bereit, denn jedes Neu-Werden beinhaltet und setzt voraus ein Sich-Verströmen.

Um diesem sofort zu widersprechen - ohne es damit aufzuheben - sei auf den anderen Aspekt hingewiesen, den wir in der Ausstellung entdecken können: Das Sich-zurück-Ziehen. Das In-sich-Gehen. Als Chance, möglicherweise Rettung. Wir sehen Hüllen, Hülsen, geleerte Körperformen, Kokons.

Wer sich darein zurückzieht gilt uns als ein Spinner. Er spinnt sich ein wie eine Raupe in seine eigene Welt um sich mit sich zu beschäftigen. Oder besser noch: um allem konventionellen Beschäftigtsein, aller "Gschaftlhuberei" enthoben zu sein.

Das Wort Idiot ist dem verwandt - es bezeichnete ursprünglich eigentlich nur jemanden, der sich aus der aktiven Teilhabe am öffentlichen Leben der Polis zurückgezogen hatte. Eine Privatperson - privat als abgeschieden verstanden.

Die Raupe spinnt sich ein, verpuppt sich in ihrem Kokon. Dort verwandelt sie sich.!So können auch die von Sabine Harton alltagsuntauglich umgenähten Kleider sowohl Hindernis als auch Rückzugsort sein.

Sabine Harton zeigt uns Abgeformtes, Menschen-Körperhülsen, auch diese Kokons. Das ist zunächst rein stofflich, materiell, formal. Ein Gewebe, eine Struktur ist vielleicht erkennbar.

Aber der Kokon ist ein Schutz- und Wachstumsraum, ein Schwellenraum. Wenn er rechtzeitig, in der Reife verlassen wird, wird er nicht zum Sarg. Er ist ein Raum des Werdens, eine Geschlossenheit hin auf eine ganz andere Öffnung. Das Ein-wickeln ist die Vorstufe zum Ent-wickeln.

Ich wiederhole mich jetzt mal:

Wer jemals als Kind die abgestreifte leblose Haut einer Schlange oder eines Insekts gefunden hat, wird instinktiv sofort gewusst haben: dies gehört zum Leben, es ist organisch, gewachsen. Und doch ein Zurückgebliebenes. Ein leeres, lebloses Kleid.

Sabine Harton legt mit ihren Arbeiten den Finger auf den Faden, den wir immer wieder zu verlieren drohen. Den seidenen Faden zu dem was uns an uns selber angeht.

Das tut an manchen Stellen weh.

Ein Kunstwerk meint nicht sich selbst. Jedes Kleid, jeder Kokon, jede verlassene Hülle ist Metapher, Symbol, Zeiger, steht für den Körper, der dazu zu gehören schien und doch aufgebrochen und ausgezogen ist. Und "ausgezogen" heißt auch: nackt! Ausgesetzt.

Aber diese Objekte und Bilder sind auch und zuerst Ikon, ein starkes Bild.

Sie erzählen ganz und gar sinnlich - und dabei dennoch nicht Heil-los kryptifizierend - von etwas, das trotzdem noch ein Geheimnis bleibt, vom suchenden Verlassen.

Nicht das Gefundene wird dokumentiert, nicht einmal das Finden wird garantiert, Aber den Auf-Bruch - im wahrsten Sinn des Wortes, den lässt uns Sabine Harton. Als Aufforderung? Als Möglichkeit! Als Frage, als einen Schwellen-Raum.

Ohne den Aufbruch bleiben wir stecken in der Idiotie.

Abstraktes in Form gebracht: die Neugier darauf, wer wir noch sein können und wollen.

Ich hoffe, ich habe sie mit diesem Gestocher in Sprachbildern auf eine fruchtbare Art verwirren können, so dass sie sich jetzt frei fühlen, Sinn und Sinnlichkeit in dieser Ausstellung zusammenzuwandeln.

Ich wünsche ihnen ein starkes Erlebnis.

(Mischa Drüner)

Nachsatz: in östlichen Kulturkreisen kennt man die Trennung von Sinn und Sinnlichkeit nicht so wie in Europa, dort zählt man das Denken zu den Sinnen dazu.

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