Installation im Glockenturm der St. Blasiuskirche Hann. Münden

turmspringerin

Die Kirche – Ankerpunkt und Ort der Spiritualität.
Der Turm - Fingerzeig gen Himmel und weithin sichtbares Monument.
Die Glocken - sie rufen herbei, sie locken an, sie erwecken.
Das Uhrwerk - gibt den Rhythmus vor und bändigt die Zeit.

 

Der Turm als solches steht einerseits für ein Freiheitsgefühl, der Ausblick majestätisch, die Bauweise beeindruckend, trotz aller Monumentalität scheinbar den physikalischen Gesetzen trotzend, unwirklich hoch und standhaft und andererseits ist der Turm ein Gefängnis, ein beengter Ort mit dicken Mauern, vielleicht ein Rapunzelturm.
Wer die Mühe auf sich nimmt, den Turm zu besteigen, gelangt von dieser beeindruckenden Enge, oben an einen Punkt bedingungsloser Weite mit einer scheinbar grenzenlosen Fernsicht - diese Weite spielt mit dem Gedanken zu springen, eine Mischung aus Grusel und Faszination.
Der „Sprung“ steht symbolisch für Freiheit und Erlösung und ist so notwendiger Initiator für veränderliche Prozesse im Innern, letztlich die Suche nach dem Sinn des eigenen Seins.
Die Turmspringerin springt nach innen und sie springt ins Wasser, wechselt das Medium, taucht in ihr Innerstes und so gelingt ihr der Übergang in etwas anderes, ein Sprung ins Ungewisse, der schrecklich und heilend sein kann. Wie beim Brunnen der Frau Holle, ist dieser Sprung ein Initiationsritus, der ein Wagnis ist und gleichzeitig die Verheißung auf Erkenntnis, denn ein Eintauchen in etwas hinein ist immer auch ein Auftauchen aus etwas heraus.
Dieser Weg ins Innere wird gesehen und begleitet von den „Wächterinnen“, eine vertraute Instanz - innere Stimmen, höhere Wesen, die Geister der eigenen Geschichte und Erfahrungen, Gefährtinnen auf unbekanntem Pfad.

Die Turmspringerin hat sich bewusst entschieden, sich in den eigenen Turm zu begeben und einen Innensprung zu wagen, im Schutz der Wächterinnen.

Begleitet wird dieses Bild von einer Audioinstallation, die chronologisch in entgegengesetzte Richtung läuft. Es beginnt im Fremden, im anderen Medium, in den Tiefen des Selbst, in der blauen Verheißung, es beginnt unter Wasser. Dann folgt ein Auftauchen, eine Phase der Bewegung und Orientierung, Schwimmgeräusche, ein Tanker in der Ferne und schließlich erhebt sich die Springerin aus dem Wasser in die Luft, wechselt wieder das Medium, gewinnt an Leichtigkeit, schwebt und bewegt sich aufwärts, gerät in luftige Höhen, Möwenschreie erklingen. Letztlich durchbricht sie auch noch die letzte Barriere – die Grenze zum Unbegrenzten, die Sphäre, den Zenit. Und dann folgt der Sprung.